Montag, 19.06.2006 – On the road
Ich war ein Relikt, als ich gegen sieben Uhr morgens in den Bus kletterte, und still lächelnd den Versuch manch anderer vernahm, der Nacht zuvor etwas Schlaf abzugewinnen. Als „Veteran“ einer vergangenen Studienfahrt wunderte ich mich, ob unser Abstecher in unser östliches Nachbarland Polen durch irgendwelche Neuverordnungen eingeschränkt werden würde, und meine Hand erzitterte bei diesem schockähnlichen Gedanken, obwohl dies eher durch den Kaffee bedingt war, der mir half die Nacht durchzustehen.
Was hatte ich auch schon zu verpassen außer dem Busfahren? Also beschloss ich mein eigenhändi mitgebrachtes Kissen vorne oder hinten auszulgen, damit den langweiligen Part der Busfahrt überspringen konnte, was auch gut hätte klappen können.
Allerdings verzögerte Philips Heuschnupfen meinen Einschlafprozess,und kaum war ich endlich in die illustren Sphären des Traumes aufgestiegen, beschloss unser allseits offener Thomas seinen Weg zu uns nach vorne zu bahnen, und jeder weiß, wo Woller ist, ist Stille fern.
„Man kann nicht im Bus schlafen.“, führte Helge am gestrigen Abend an, und er sollte Recht behalten. Als ob Gott mir einen Beweis für diese These entgegenbringen wollte, beschlossen unsere Reisebegleiter Jürgen und Goscha „Ja, das ist ein Name..“ Behrens ein informatives Sicherheitsvideo vorzuspielen, das uns vor allem vor „schnippischen Langfingern“ warnte. Es dauerte nur kaum zwei Stunden bis die erste Euphorie verflogen war und ich anfing mich zu fragen, ob wir vielleicht doch die Arschkarte im Vergleich zu den Kroatienfahrern gezogen hatten, und geistig befand ich mich auf einem ähnlichem Tiefschlag wie bei der Schottland-Busfahrt.
Selbst als um 9:23 das Navigationssystem ansprang, ein Bild auf die Fernseher vorne und hinten projiziert wurde, und unser Fortschritt sichtbarer wurde, war er doch für mich dem Zeitpunkt nicht spürbar. Neben diesem Verlust, der Möglichkeit Fortschritt wahrzunehmen, war ein anderer sehr viel präsenter: Hr. Grabisch fehlte, und verlässliche Zungen munkelten, dass seine Teilnahme an der Studienfahrt durch einen Vorfall mit der Bandscheibe oder aufgrund eines Hexenschusses behindert worden war. Eine kurze Befreiung von diesen negativen Gedanken, erfuhr ich, als wir endlich zur ersten Pause um 11:00 Uhr ansetzten, wo wir uns gegenseitig mit Fußballspiel und anderen Aktivitäten von der anstrengenden Fahrt ablenkten.
Als wir nun die Raststätte verließen, überraschte uns Hr. Söhrnsen mit der Ankündigung, dass wir nun anfingen würden, Referate über unser Zielland im Bus zu hören, was natürlicherweise sofort ausgeführt wurde. Um 12:56 wurde die Annäherung an die polnische Grenze kurzzeitig spürbar, was durch die sich drastisch verschlechternde Asphaltqualität deutlich wurde. Und zwanzig Minuten später erlangten wir den ersten Etappensieg: die polnische Grenze! Der Sieg und der daraus resultierende Freudentaumel wurde uns glücklicherweise durch zwanzig Minuten Wartezeit versüßt, und als ein grimmiger, deutscher Grenzbeamter feststellen musste, dass wir unsere Ausweise noch nicht bereitgestellt hatten, traf er auf das berühmte „Yamann“ Sentiment unseres Reisebegleiters Hr. Wilk, der durch „Es hat ihnen doch keiner etwas getan. Pöbeln sie doch hier nicht so rum!“ den Zollbeamten beschwichtigte. Eine kurze Pause hiernach nutzten wir wiederum zum ausgelassenem Fußballspiel, Cross-Golfen und manch anderer schlürfte zu diesem Zeitpunkt bereits sein erstes Bier, was verständlicherweise zu Unmut bei so manchem „Ordnungshütern“ führte.
Ein Gefühl von Heimat umschweifte mich dann, als wir die Fahrt fortsetzten, denn Drecker dachte an einen tragbaren Fernseher, der uns Beiden ermöglichte um 15:00 geistig abzuschalten, und die Fußball Weltmeisterschaft zu genießen. Jeder fand nun in diesen Momenten seine eigene Art mit dem Busfahren klar zukommen. Eine kurze Pause bei der amerikanischen Botschaft von Stolpe zum Abendessen verstärkte meine Ungeduld endlich anzukommen. Während die nordpolnische, moränendurchzogene Steppe an meinem Fenster vorbeizog, zeigte sich das Bild in den Städten noch klar geprägt vom Schnitt der sowjetischen Sichel, und das Ende des Tages stellte sich als viel anstrengender heraus.
So beglückte uns z. B. ein gewisser Krister Göttsch mit Methangasen aus Eigenproduktion, nachdem er eine zu verachtende Menge Eier konsumierte, und Laura Lück musste unbedingt „The Lion Sleeps Tonight“ aus den hinteren Reihen anstimmen. Und als wir noch 760 km Fahrt vor unserem Zielort Danzig um 20:14 in einen Stau gerieten, war ein gewisser Tiefpunkt wieder erreicht. Auch die Tatsache, dass wir uns dann in Danzig verfahren hatten, trug nicht unbedingt zu meiner guten Stimmung bei, aber als ich dann endlich in das große Blau vom Hotelzimmer aus hinaus starrte und realisierte, dass es die Kroaten gar nicht besser haben könnten als wir, ließ ich mich in mein Bett fallen und schlief zum Geräusch brandender Wellen friedlich ein.
Dienstag, 20.06.2006 – Stadt der Kontraste
Der nächste Tag begann mit mehreren Feststellungen:
1. Ich war ein Lügner, als ich dir, mein treues Tagebuch, anvertraute, dass ich sofort in die Kiste sprang. Nach einem ganzen Tag in einem Bus, der unsere Thrombosewahrscheinlichkeit auf 100% beförderte, konnte ich nicht einfach irgendwo rumhängen. Deshalb machte ich mich mit ein paar anderen zu einer Umgebungserkundung auf. Diese blieb natürlich nicht ohne Kontakt mit den Anwohnern aus, doch diese ersten Eindrücke hebe ich mir für später auf.
2. Die Betten und die dazugehörigen stellten sich, obwohl sie doch recht gemütlich waren, als zu kleine schon für jemanden in meine Größe heraus, wodurch ich meinen so lang herbeigesehnten Schlaf nicht genießen konnte, also machte ich mich nach einem kurzem Sprung unter die Dusche auf nach unten.
Dort angekommen, überraschte mich ein gutes Buffet, an dem ich mich erstmal ordentlich satt aß. Hier übernahm sich manch andere Gestalt, z. B. Karl, der einem regelrechtem „Eierwahn“ erlag und sich schon nach dem Frühstuck übergab. Konnte aber auch an der Buddel Korn vom Vorabend gelegen haben. Um halb neun saß ich dann auf der mediterannen Terasse unseres Hotels, und wartete auf den äh unseren Führer, der sich als Führerin herausstellte, und uns sobald wir in den Bus gestiegen waren, darüber informierte, dass wir nicht in der schönsten Gegend Danzigs gelandet waren. Eine „No-Go Area“, in der Bewegung alleine ohne Gruppe nach 10 Uhr von der Führerin nicht empfohlen wurde.
Was für eine Neuigkeit, am Vorabend merkten wir dies nämlich besonders. So erging es manchen „Thrombosgeschädigten“, die ein wenig joggen wollten, wie z. B. Unserem sportverrückten Hanno, folgendermaßen:
Einer der Jogger trug ein veraltetes Trikot der deutschen Mannschaft, auf dem deutlich der deutsche Adler abgebildet war. Als nun die Gruppe Jogger auf eine kurzhaarige Versammlung polnischer Jugendlicher traf, wechselten diese schnell die Straßenseite und stimmten fröhlich ein „Deutschland, Deutschland über alles an“, was verständlicherweise zu ein wenig Verwunderung bei den Joggern führte. **
Aber auch unsere Mädchen, mussten sich erst an den polnischen „Charme“ gewöhnen. So versuchten ein paar weitere kurzhaarige „Casanovas“ Christin mit ein paar netten Kitzeleinlagen im Rückenbereich zu einer kleinen Stadtführung zu verführen, allerdings konnte sie sich schnell aus den Fängen dieser „heißen“ Überflieger reißen. Und auch ich blieb nicht unverschont an diesem Abend, o begab ich mich, wie bereits erwähnt, auf eine Umgebungserkundung, die auch an ein paar Kurzhaarigen vorbeiführte. Diese begannen uns, nach einer kurzen Frage, ob wir aus Deutschland kämen, mit dem netten Wort „Kurwa“*** zu begrüßen. Tolle Leute, aber was konnten wir auch erwarten, wenn die Mathe Lkler Polen in blutiger Schrift auf ihren T-Shirts stehen hatten. Hätten sie noch das „ungarn“ mit „Tschechesloswakei“ ausgetauscht, wäre alles perfekt gewesen, aber das lag alles in der Vergangenheit, nur nicht vielleich für ein paar Polen.****
Wir machten uns auf mit Bozena(gesprochen „Boschena“), unserer Führerin, zuerst einen Teil des Dreistadtgebietes Danzig, Gdingen und Zoppot zu besuchen, und zwar letzteren. Dort fanden wir den längsten Seesteg der Ostsee vor, der ca. 500m in das Meer hineinragt. Verständlicherweise umschweifte uns ein gewisses Gefühl von Freiheit in diesen Momenten, und all die wunderschönen ersten Eindrücke schienen von dem Kontakt mit der steifen Brise weggetragen worden zu sein. „Harmonie und Glück“ wurden durch das Erspähen eines Piratenschiffes nur noch mehr verstärkt, und ließ so manch Dame***** spekulieren, ob nicht der obersüße Johnny Depp irgendwo in dem Schiff versteckt sei, und nach einer kurzen Busfahrt setzten wir Fuß in die Innenstadt Danzigs. Hier stellte sich die Stadt als äußerst vielschichtig und kontrastreich heraus, denn während auf der einen Seite hübsche, restaurierte Häuserfassaden standen, trieben auf der anderen Seite Steine durch das Wasser.
Vorbei am alten Stadtwappen, durchschritten wir das alte Krantor, landeten in der Frauengasse, die auch als Bernsteingasse bekannt ist, nur um unser Ziel, die Marienkirche, zu erreichen. Aber in einer Kirche „gefangen“ zu sein, die 22000 Menschen Platz bot, ohne die Bänke rauszunehmen, hinterließ nicht bei jedem den gewünschten Effekt. Bewundern konnte ich die Leute, die unter dem monumentalem Kristalldach eine gewisse „Erleuchtung“ erfuhren, aber meine persönliche Erleuchtung erfuhr 51 Sack Zement und 406 Stufen später, als wir den 82m hohen Kirchturm bestiegen hatten. In diesem Marathan war ich nicht mehr in einem Kampf mit der Natur wie damals in Schottland verwickelt, nein, diesmal war es ein Kreuzzug gegen Gott persönlich, der für mich glücklicherweise siegreich mit einem 1:0 ausging. Der Auf- und Abstieg war allerdings nichts für Menschen mit Klaustrophobie.
Als wir unten wieder ankamen, führte uns Bozena zu unserem Ausgangspunkt, der „Langen Gasse“, zurück, wo wir erstmals Geld wechseln konnten. Zuvor allerdings befragte unser Oberleiter Hr. Söhrnsen die Führerin hartnäckig über den niederländischen Manierismus aus, von dem viele Häuser in der Stadt geprägt sind. Doch auch er kam zur Ruhe, als wir in der Restaurantempfehlung unserer Führerin zu Mittag Platz nahmen, und ich genoss eine leckere Pizza Margherita und zwei Getränke für umgerechnet 5€. Das einzige was mir in diesen Momenten Sorge bereitete, war der Nachmittag, der, womöglich aufgrund des Spieles von Deutschland gegen Ecuador, frei jeglicher Gruppenaktivität war.
Danach referierte ich noch kurzzeitig im Schatten eines Arbeiterdenkmals zum Danziger Arbeiteraufstand, und redete und redete und wollte endlich das Deutschlandspiel am Nachmittag sehen. Doch komplett bierfrei konnte mich das Spiel nicht begeistern, und als wir uns in der regnerischen Pause dazu aufmachten beim nahe gelegenem „SuperSam“ einzukaufen, erschien der Begriff „Monsun“ im zu dem herunterfallendem Regen so süß wie Tokio-Hotel Bills Gothic-Anime Auftreten vor einem Publikum, dass hauptsächlich aus 62jährigen besteht. Ralf und ich tauchten pünktlich zur 65. Minute wieder im Raum 406 auf, um zusammen mit einer größeren Menge Leute endlich das Fußballspiel zu genießen, und nun lockerte sich die Atmosphäre deutlich. So lachten wir über recht gelungene Einfälle unserer Gagmaschine Lothar, der „Guagua“ (vom polnischen Kommentator Kwokwo ausgesprochen) südamerikanisch für Großraumtaxi hielt. Anschließend beschlossen einige Wahnsinnige bei dem mörderischen Platzregen ins Meer zu springen, und so den Deutschlandsieg zu feiern.
Der Abend bot uns noch einen weiteren Anlass zu ausgelassener Stimmung. Thomas feierte seinen Aufstieg in die Riege der alten Säcke(20), und ein etwas besonderer Drag Queen Wettbewerb ließ so manche Augenbraue noch hochfahren. Bis heute streiten sich die beiden Stylingteams, Lis und Lisa, die gegen Christin und Jessica antraten, wer eigentlich gewonnen hat. Opfer gab es auf beiden Seiten. Körperlich geschafft ging auch ich dann irgendwann ins Bett. Diesmal beschloss auch unser Oberleiter nicht in gewohnt preußisch-militärischen Stil eine Nachtkontrolle durchzuführen. Hatte ich das nicht erwähnt gestern? Sieht wohl so aus, als ob ich noch immer ein Lügner bin...
** Angeblich soll sogar jemand ein Eisbein abbekommen haben.
*** Das Wort kurwa, polnisch für Nutte, wird [...] von vielen Polen in der Umgangssprache als Interjektion verwendet und entspricht damit in etwa dem fuck in der englischen oder dem „Scheiße“ in der deutschen Sprache. (Wikipedia)
**** Idioten gibt es überall, nur die Häufung von solchen negativen ersten Eindrücken, ließ mich ein wenig zweifeln.
***** Ja, es war natürlich Christin...
Mittwoch, 21.06.2006 – Beunruhigende Seiten
Am nächsten morgen entdeckte ich eine wahre Kuriosität an mir, geradezu meine weibliche Seite – rote Zehnägel. Sie beobachteten mich, wie ich mich langsam aus dem Bett bewog, und meinen festen Schritt zur Toilette, und danach zur Dusche koordinierte.
Schnell versteckte ich meine peinlich dekorierten Fußenden mit ein paar Socken; und die silberne See zog nur kurzzeitig an mir vorbei, als Hr. Wilk uns alle im Bus davor warnte, unsere Studienfahrt nach dem gestrigen Siege Deutschlands als „Halli Galli Sauffahrt“ eingehen zu lassen. Ich fühlte dagegen fragil, ein allgegenwärtiges Gefühl von Übelkeit umschwirrte mich, dass sich sogar so weit entwickelte, dass es mir schien, als ob jederzeit ein Schwall Kotze aus mir rausschießen könnte. Es ging so weit, dass irgendwann ein ekliges Gebräu in meinen Mund hochschoss, und ich mich ernsthaft fragte, ob ich nicht vielleicht den Mülleimer mit einer biologischen Hinterlassenschaft versorgen sollte.
Doch ich schluckte es runter, und hinter mir resümierten unsere spärlich gesäten Mädchen den vergangenen Abend, wobei sie sich noch ordentlich über den Kaffee vom Buffet ausließen.
Gegen 10:00 erreichten wir unser Ziel – Marienburg. Wir spazierten über eine alte Holzbrücke, und es war kaum zu fassen, wie mich die 1274 vom „Deutschen Orden“ gegründete größte Backsteinburg der Welt staunen ließ, und zum Glück war ich hier nicht alleine. Der Touristenandrang war groß, kaum verwunderlich, da sie von der UNESCO geschützt wird, allerdings erfreuten unsere Lehrer da andere Sachen mehr. So entfuhr unserer Laura, nachdem sie erfahren hatte, dass damals die Lehnsherren mit ihren Pferden begruben wurden, folgendes:
„Menschen sind so pervers.“
Vielleicht verständlich für jeden Pferdefreund, mich hinterließ es zumindest mit einem Lächeln, an dem sich auch andere Leute beteiligten.* Aber noch mehr erfreute mich die Tatsache, dass Hr. Söhrnsen den Vortrag des eintönig referierenden Führers abkürzte, denn Verzweiflung lauerte an jeder Ecke, und so macnh einer ging auch schon in den „Weinkeller“**, obwohl sich doch der Reichtum eines der ehemals mächtigsten Vereinigungen in der europäischen Geschichte an mehreren Orten zeigte.
Zur Mittagspause beschloss ich einmal mehr die örtliche Margharita-Pizza Spezialität auszuprobieren, und nachdem ich ein paar Colas zu viel in mich hineindrückte, spekulierte ich vor der Toilette, ob der Kreis oder das Dreieck für mich bestimmt war.
Nachdem ich mich für das Dreieck entschied, zeigte sich der restliche Tag sehr stark umwoben von einer allgegenwärtigen Hitze, Schwüle und ich konnte an nix anderes denken außer dem totalen Gegenteil. Doch im Bus bekam ich kaum Ruhe, da die immer noch wunderbare Straßensituation Drecker und mich zu einer kurzen Beatboximprovisation hinriss.
Als wir 1 ½ Stunden später wieder beim Hotel ankamen, entschieden sich die Mädchen, nach einem kurzen Intermezzo bei dem ich in einer so gut wie möglich mädchenhafter Manier rumzickte, für eine Reinigung meiner verunstalteten Zehen. Ich hatte doch nicht nur eine oberflächliche weibliche Seite an mir entdeckt, die Fähigkeit rumzujammern war auch in mir verankert. Wobei ... Aber noch mehr wurde diese neu entdeckte Fähigkeit, durch das wunderbare Gefühl von drei Frauen gleichzeitig bedient zu werden, überstrahlt. Wiedergeboren begab ich mich in die Lobby unseres Hotels, wo wir ein paar lockere Bier genossen. Andere, also die Fußballfanatiker, frönten lieber ob dem gleichen verbunden mit 50 cm Pizzen (!).
Der Abend bot einmal mehr eine Geburtstagsveranstaltung – Husser wurde 19. Doch mein Standard war an diesem Abend eher „Tsch.“ Eine konstante Aura der Angst umfuhr mich, da ich kein Interesse daran entwickelt hatte, dass ein weiteres Mal wie gestern Abend, als der Portier hochkam, und um Ruhe bat. Manche kritisierten dies mit dem Vorwurf, dass ich einen Stock im Arscht hatte, oder aber, dass ich mich zumindest an den Ästen von einem festhielt. Aber ich beschloss den Abend über eher ruhig ausgehen zulassen, auch wenn mir Hr. Wilk mit schwarzen String über den Weg lief. Er unterhielt sich zu diesem Zeitpunkt mir Hr. Söhrnsen, der zu Christin, die sich in meiner Gruppe befand, folgendes entgegnete:
„Ich was sie da denken, sie denken immer so schlüpfrig.“
Mein hochgelobter Einschlafprozess verlief natürlicherweise auch an diesem Abend wunderbar. Nur ein Autoalarm, zerspringende Flaschen und ein lauter Hund versüßten ihn mir dieses Mal. Zumindest schien unsere Ankunft nicht unbemerkt worden zu sein.
„Verdammt noch mal!“, bellte auch Maik irgendwann einmal los. Ich konnte es ihm nicht verübeln.
* Natürlich ist jeder Pferdetod ein Verlust, und mich erfreute in dem Moment eher Laura, und ihre etwas überemotionelle Reaktion.
** Worst Wortspiel ever.
Donnerstag, 22.06.2006 – Blues for the red sun
Weder heiß noch wirklich kalt begann dieser morgen, an dem ich mich in Shorts wie die anderen auf der Suche nach Spuren begab.
Günther Grass, bzw. Gunthera Grassa wie er hier bekannt war, Nachrkiegsliterat von Beruf, hinterließ sie in Gdansk, wo wir uns zum ehemaligen Wohnviertel von ihm aufmachten.
Zuerst gab es allerdings eine unangenehme und unerwartete Verzögerung bei der Abfahrt, da ein gewisser Krister G. Noch Zähne putzn musste. Erfreulich dagegen war das Lob von Hr. Söhrnsen, der uns, natürlich nicht ohne Husser nachträglich zu gratulieren, zu unserer Disziplin und Ruhe am vergangenen Abend gratulierte.
Hr. Wilk dagegen nahm wieder seine altbekannte Position als Gagmaschine ein, und scherzte z. B. Über den Namen unseres Viertels „Neufahrwasser“, aufgrund der Tatsache, dass wirklich neues Fahrwasser in den Rinnen war.
Irgendwann erreichten wir dann auch das alte Wohnhaus von Günther, in dem er früher im Erdgeschoss der Kolonialladen der Eltern residierte. Höchstwahrscheinlich hatte sich in den vergangenen 60 Jahren nichts in dem Viertel getan, und Bozena bestätigte, dass das Einzige was hier am alten Straßenbild fehlen würde, die alte S-Bahn wäre, die damals durch die Straße schoss. Eine alte Plakette war über dem zur Straße blickenden Fenster angebracht, sie gab einen Teil aus „Die Blechtrommel“ wieder. Und obwohl unsere Führerin dies auch mehrmals betonte, schien der Lehrkörper mit anderem beschäftigt zu sein.
„Herrlich diese Früchtchen“ notierte ich nur dazu in mein Notizbuch. „Lernen vor Ort“ zeigte seine Wirkung. Das Viertel, so erfuhren wir, war früher sehr viel industrieller geprägt, und dass Gigi Kaschube ist, eine deutsche Minderheit in der Umgebung. Diese besitzt vor allem die gepunkteten Umlaute der deutschen Sprache, ist aber ansonsten total anders.
Nach cirka 2 Stunden wurden wir endlich erlöst. Unser Bus trug uns zur Westernplatte, wo die ersten Kampfhandlungen des 2. Weltkrieges stattfanden. Doch zuvor gab uns Hr. Söhrnsen während der Fahrt eine Zusammenfassung und Interpretation für die Unwissenden von „Die Blechtrommel.“ Diese „kurze“ Zusammenfassung fiel äußerst umschweifend aus, so trug er uns eine ausführliche Farbendeutung vor und beschrieb den rhythmisch-musikalischen Stil des Romans, woraufhin so mancher sich wunderte, ob dieser Lehrer auch wirklich den richtigen Fachbereich gewählt hatte.
Als wir an dem ehemaligen Badeort ankam, stachen sofort die vielen Bäume hervor,, es sah kaum nach einem Schlachtgebiet aus, in dem 7 Tage lang 600 Polen gegen 6000 Deutsche antraten und unter schweren Beschuss des Marine-Schulschiffes „Schleswig-Holstein“ standen. Auffällig an dem gesamten Platz war vor allem die Tatsache, dass es keine Einzelgräber für die deutschen Soldaten gab, die unter dem russischen Stahl litten.* Hier traf dieser Stahl erneut auf seine Artgenossen, als Husser und Jako beschlossen, einen alten T34 zu erklettern, und dort für ein hübsches Erinnerungsfoto zu posieren.**
Doch dies sollte nicht den Höhepunkt unseres Ausfluges bilden. Ein gigantischer Berg musste bezwungen werden, auf dem ein beeindruckendes Werk ruhte, und auf den ersten Blick mesoamerikanisch wirkte, sich später als sowjetisch herausstellte. Lange Zeit kletterten wir an den Stufen, hauptsächlich dadurch bedingt, dass wir nicht wie die anderen Touristen abkürzen durften. Der gute Eindruck sollte doch gewahrt werden. Ein Referat an der Spitze, zu Fuße des 1966 erbauten und 25m hohen Monolithen, ermöglichte uns eine kurze Verschnaufpause an dem Ort.
Den Nachmittag nutzte ich nach einem oktroyierten kurzen Spaziergang durch das historische und äußerst beeindruckende und äußerst langweilige Rathaus zum Souvenirkauf. Nach der bereits erwähnten Shoppingtirade, blieb zum Glück auch etwas Hübsches für mich in Form einer neuen silbernen Sonnenbrille übrig. Darauf ermöglichte uns die S-Bahn Nr. 13 die Rückfahrt in unser Viertel, und trotz Unglückszahl trafen wir dort die ersten netten Polen, die uns beim Ticketkauf halfen.
Kaum zu Hause nutzte der Mathe-LK den Danziger Strand zu einem Gruppenfoto, und andere fanden sich zu einem gemeinsamen Kinoabend mit „Schindlers Liste“ zusammen. Insgesamt verlief der gesamte Abend angenehm friedlich. Ausnahmen wurden nicht von der Regel bestimmt, und doch kam es an diesem Abend zum Studienfahrtsdauerzitat: „Ja, leck mich doch selber!“
Die Entstehung dieses Zitates wird von beiden Seiten bis heute kontrovers diskutiert. Die eine Position, Karl, der über das fehlende Alternativprogramm des Mathe-LK außer sich war, äußerte sich folgendermaßen:
Er befahl der gefürchteten Jessica L., dass sie doch endlich mal ihr loses Mundwerk schließen solle, die daraufhin entgegnete:
„So spricht man nicht mit einer Dame.“
5 Minuten später entgegnete sie ihm das Gleiche, das er doch auch sein loses Mundwerk schließen sole. Dieser rief nur außer sich:
„Ach, leck mich doch.“
Und sie: „Ach, leck mich doch selber.“
Aus ihrer Position spielte sich dies alles natürlich komplett anders ab. Sie konnte sich nur nicht an den Anfang erinnern, und das Ende würde wohl auch so stimmen. Das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war das dreckige Lachen von Ralf.
So oder so änderte diese ganze Geschichte nichts an der langsamen Routine, die sich bei uns eingeschlichen hatte. Morgen sollte sich wiederum alles ändern. Krakau. Und 8 bis 15 Stunden Busfahrt warteten. Diese konnte kein Zitat und meine mir unangenehme, nüchterne Angekotzheit gegenüber der ganzen Welt verhindern.
Morgen würde sie schon anders aussehen, oder ich würde sie dazu zwingen.
* Genau betrachtet ist der letzte Satz totaler Schwachsinn, da polnischer Stahl eigentlich. Ist aber nur so eine gute Überleitung
** Und das obwohl keine Panzer bei der Schlacht verwendet wurden.
Freitag, 23.06.2006 – Roadhouse blues
Die Sonne schien. Normalerweise hätte ich mich gefreut.
Aber die Aussicht, meine nächsten 8 bis 15 Stunden damit zuzubringen in einem überfüllten, warmen Bus die Welt zu verfluchen, hielt meinen Enthusiasmus in Grenzen.
Dem entsprechend bestand mein Körper nur aus 'ner Shorts und einem Hemd. Ich weigerte mich Socken anzuziehen und ein paar Latschen hefteten sich irgendwann von selbst an meine Füße.
Erste Spannungen zwischen Laura und Krister, die ihn als „Spast“ beschimpfte und er mit einem „Von dir hör ich immer nur Mi, Mi, Mi, jetzt geh' doch endlich in den Weinkeller!“ beantwortete, ließen mich zweifeln, ob eine ruhige Fahrt garantiert werden würde. Zu diesen schlechten Vorahnungen gesellte sich auch die Tatsache, dass wir nach der Abfahrt um 08:20 das erste Schild streiften.
Weitere Spannungen entstanden auch zwischen Drecker, Herrn Wilk und mir. Hr. Wilk beschwerte sich nämlich über seine Position in der ersten Reihe. 620Km lagen vor uns, und während ich stolz einen letzten Gruß in Richtung Leninwerft und Gdansk warf, schien es es so als ob alle Welt eher rein als raus aus Danzig wollte. Herr Söhrnsen sah dies als gutes Zeichen, und bezeichnete sich als Optimist und sagte eine kurze Busfahrt vorraus.
Allerdings blockierte eine gewisse Lisa B. 2 Plätze für sich selber, und pennte schön vor sich in. Neben dem immensen Pollen-Aufkommen in der Rush Hour Danzigs, hangen deshalb auch ein paar handfeste Beleidigungen in der Luft.
Das erledigt und einigermaßen beruhigt, ermöglichte uns das einen eher ruhigen weiteren Reiseverlauf, obwohl die Straßen voll waren. Für Krach und Aufregung war bei 21,6°C um 10:00 im Bus auch kaum die Kraft verhanden.
In den Pausen hielt uns einmal mehr das beste Antithrombosemittel der Welt auf Trab – Fußball. Eine spontan improvisierte Pinkelpause kurz vor 12:00 ließ uns kurz aus dem brennenden Ofen heraus. Eine Polizeikontrolle verzögerte unsere Weiterfahrt um eine Viertelstunde, wobei viele Spekulationen um das Wort „Drogowego“ an diesem Tag entstanden. Letztendlich wurde unserem Busfahrer vorgeworfen, dass er 10 km/h zu schnell gefahren sei.
Eine weitere Pause, bot höchst explosiven Stoff für eine weitere Anekdote mit der Gagmaschine. Während einens kurzen Zwischenstopps bei einer amerikanischen Botschaft, unterhielt sich der Anglophile mit einem Schüler über die berüchtigte Jazz-Kultur Krakau, und seinem Wunsch einen der berüchtigten Keller zu besuchen. Just in diesem Moment stoß eine Schülerin zu den zwei, die ihr Interesse daran bekundete, an dieser Tat teilzunehmen. Hierzu äußerte sich „KwoKwo“ Wilk folgendermaßen:
„Klar, und danach gehen wir gemeinsam in Swingerclub!“**
Diese kurzen Ablenkungen hielten mich nicht davon ab mich mittlerweile entfremdet zu fühlen, und selbst Jessica beschwerte sich darüber, dass alle so schlecht misshandelt werden würden. (sic) ***
Doch keine höhere Gewalt enthielt uns vor den weiteren Referaten, die uns über das von Schachbrett-Muster und Salzbergbau geprägte Krakau informierten, das die geistige und geistliche Hauptstadt Polens darstellte. Das Geiste äußerte sich darin, dass z. B. 150.000 Studenten in einer Stadt mit einer Einwohnerzahl von 450.000 wohnten. Dies äußerte sich in der Kulturabteilung, von Jako betreut, der seinen Abschnitt mit dem historischen Zitat begann:
„Ja, ich hab' ja nur Kultur.“
Woraufhin Hr. Söhrnsen mehr als provozierend antwortete:
„Besser als hättest du null Kultur!“
So ermutigte er den Unwilligen, nach vorne zukommen und sich gefälligst zu blamieren. Wir erfuhren so zu mindest, dass es auch in einer so großen Stadt ein „Cien“**** gab, in dem sich nach Aussage des Referierend alles treffen würde. Andere reagierten dem gegenüber eher reserviert:
„Wenn ich 'ne Dizz voller Polen haben will, kann ich das auch zu hause haben.“ (Lis)
Als wir endlich an unserem Hotel ankamen, stellte sich heraus, dass dieses ich 6km vom Stadtkern befand, direkt in einem Gewerbegebiet, an einer Hauptstraße. Dem entsprechend gab es eher weniger Ruhe. Dafür sorgten wir selbst, als wir mit 22 Mann Taxis bestellten, und zum „Jazzclub“, der kein Jazzclub war, „Boogie“ aussetzten. Dieser glich eher dem Recall – an einem Dienstag. Total leer, und doch voll mit Leuten, die man nicht sehen möchte. Als hing es von uns ab für Stimmung zu sorgen.
Die Recall-Qualität schlug sich uch in den vergleichsweise höheren Preisen nieder, wobei ein Bier 6.00 Slatkos, also 2€, kostete. Außerdem erschien es mir so, als o die Kellnerinnen uns kritisch beobachteten. Andere äußerten sich folgendermaßen:
„Geile Kellnerinnen, geiles Klo, aber keiner da.“ Das geilste waren die Spiegel, äußerte Simon, der es genoss die hübschen Frauen durch den Spiegel zu beobachten.
Zumindest erlebten wir etwas.
„Das Einzige was die Kroaten erleben, sind ein paar Minen.“, äußerten ein paar kritische Stimmen an diesem Abend.
Und sie hatten Recht. Die Stadt lebte. Der harte House Rhythmus unserer Bar pulsierte auch draußen, spurlos an den Passanten vorbeiziehend, und nur für manche spürbar und nur greifbar für den der wollte. Das sommerliche Nachtleben lockte jedoch genug hinaus.
Zu sechst nahmen wir ein Großraumtaxi zurück. Ein totaler Verrückter beschwörte am Steuer Satan selbst hervor.
Nur ein hohes Trinkgeld ließ uns an diesem Abend aus seinen Klauen entfliehen.
* Er versicherte mir daraufhin, dass er mit der Bemerkung natürlich nur eine Anspielung an die Jazz-Untersorte „Swing“ machte.
** Fragt mich niht, was die Alte damit sagen wollte. „Ja-leck-mich-doch-selber“-Lück brachte so einiges auf der Fahrt.
*** Ausgesprochen natürlich Tschiejeeen.
Samstag, 24.06.2006 – A freak, in a freak kingdom
Vom Lärm einer nahe gelegenen Baustelle geweckt, fand ich mich in dem 4 Monate alten Neubau des symmetrisch aufgebauten System-Pop wieder.
Eine Stadterkundung stand an, die uns nach der gestrigen Abendtour auch ein wenig Kultur vermitteln sollte.
Manche Meldungen erschütterten an diesem morgen unser Gemüt. So hatten manche Schüler es geschafft, ihren Geldvorrat bereits zu halbieren. Ein weiterer Schrecken war nicht so gut zu verdauen: Olga.
Bei dieser Frau handelte es sich um unsere mehr als schwierige Führerin, die uns bis 17:00 begleiten sollte, da dann das Deutschlandspiel stattfand. Auch tagsüber stellte sich die Stadt als lebhaft heraus. Hauptsächlich lag dies an der Tatsache, dass überall die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten zum Johannestag am laufen waren.
Katholiken.
Also traten wir während eines Soundchecks im Hintergrund den Aufstieg zum Wawelschloss an, dass einst mehrere Königsgeschlechter in 71 Sälen und 300m² beherbergte. Der Reichtum dieser äußerte sich unter anderem an der Kuppel der Siegesmundkaelle, die mit 50kg Gold verziert wurd. Trotz dieser eindrucksvollen Kulisse resümierten manche schon recht früh:
„Olga ist scheiße, dafür die Stimmung gut.“
Und das war sie anfangs durchaus. Bei unserer Tour die die unzähligen Kirchen, Klöster und Klosterschulen* der Stadt mussten vor allem die Frauen der katholischen Tradition gerecht werden, und ihre Schultern bedecken. Auch mussten wir uns in den Kirchen besonders leise verhalten, was für manche nicht besonders leicht war.
Allerdings dominierte später wieder die altbekannte Langeweile. Hinzu kam ein großer Hunger, der mich fluchend in einer Kirche stehen ließ. Auf Nachfrage bei Delf, versicherte mir dieser aber, dass dies keine Sünde sein könne, da der polnische Gott mich nicht verstehen könne. Da konnte nur ein gutes Mahl bei Pizza Hut helfen.
Glücklicherweise erkannten unsere Lehrer die Sinnlosigkeit des Dauerkulturprogramms. Dadurch heiterte ich dem entsprechend auch persönlich etwas auf. Auch als Hr. Söhrnsen „KwoKwo“ Wilk vorwarf lasterlos zu sein. Dieser entgegnete:
„Ich hab 10 LKWs zu Hause. So viele Laster hab' ich!“
Die ausgelassene Stimmung setzte sich auch bei dem Fußballevent fort, wo Drecker früh anmerkte, dass wir mal wieder „klosartig“ spielen würde. Das Gemeinschaftsgefühl setzte ein. Belustigung hierfür wirkten auch einmal mehr die polnischen Kommentatoren, die von Zeit zu Zeit von einem gewissen Kaiser sprachen.
Mit dem erfolgreichen Spielausgang zufrieden, hieß es erstmal runterkommen, indem ich wiederum ein Taxi in die Innenstadt bestieg. Das Festival bestimmte das Straßenfest, und mindestens 10.000 Leute waren im Stadtkern vorzufinden. Ein gigantischer, wild ungeordneter Karneval und Bazar, und mittendrin wir.
Wir trafen uns am alten Bustreffpunkt, wo wir auch auf Hr. Söhrnsen tafen. Dieser, symbolisch ein Stiff-Shirt stragend, inspizierte kritisch unsere Gruppe, und ermahnte uns gefälligst aufzupassen. Auch er schien den Wahnsinn zu spüren, unsere Neugier an ihm teilzuhaben und erfragte streng die wievielte Dose so mancher schon runtergespült hatte. Er wünschte niemanden angetrunken zu sehen. Das mit dem Sehen war erfüllbar.
Durch die vollen Straßen schlichen wir vorbei an vielen Gestalten, Sirenen im Hintergrund, die nicht aufhören wollten im Echo der Häuserschluchten zu heulen. Trotzdem war die Stimmung war gut, und Delf bekam sogar von einem Wildfremden eine Pizza einfach so geschenkt. Nach 2 Stunden fanden wir uns in der Rynek Gl. 6 im Buddha Drink & Garden wieder. Diese Bar stach vor allem durch seine wilden Kamasutra Stellungen an der Wand und viel Platz heraus. Es glich einem Wunder, dass wir in diesem Ethno-Schuppen ohne Verluste landeten.
Es war eine gute Zeit um Leute kennen zu lernen, auch um neue Bekanntschaften zu machen. Mittelmeerurlaub könnte nicht schöner sein, als diese eine Nacht bei 22°C im vollen Krakau.
Eine weitere Taxifahrt führte uns zurück zum Hotel. Ein weiterer Verrückter, der ein Vermögen mit Touristen an diesem Abend verdiente, Anfahrduelle provozierte und neue U-Tun Stellen in der Stadt suchte. Und als ob der Abend nicht gut genug verlief, fand ich noch Lauras Portemonnaie, dass ich ihr schnell wiedergab.
Eine gute Tat am Tag – warum nicht?
* Und Krakau hat 110 kirchliche Einrichtungen. Nicht umsonst handelt es sich also bei der Stadt um die geistige Hauptstadt Polens.
Sonntag, 25.06.2006 – Tag Sieben
Kein Baufahrzeug an einem Sonntag. Stattdessen Auschwitz und Hosenpflicht, bei 30°C oder so.
Ein Skandal, da so manche am Abend zuvor zu spät ins Hotel kamen, bekamen diese nun Ausgeh- und Alkoholverbot. Manch ein Lehrkörper stand an diesem morgen vergleichsweise spät auf, und wir fragten uns scherzhaft, ob dies bedingt war durch die neue Bekanntschaft. Diese kannte sich nach Angabe der Lehrer ziemlich gut in der Stadt aus.
Respekteinflössend, immer wieder. Eindrucksvoll waren die Räume voll von Koffern, Schuhen, Prothesen. Fotos von den Gefangenen, die einen schutzlos anstarren. Ein guter Tritt in die Eier. Und selbst die „Machine“ schien keinen guten Spruch an diesem morgen zu haben.
Am Nachmittag ließen Doppelkopf und Fußball die Stimmung erheblich steigen.
Montag, 26.06.2006 – Der vorletzte Abend
Ich brauch wohl nicht einmal die unausstehliche Hitze zu schildern, die uns an diesem Tag einmal mehr begrüßte, und Kommentare wie „Wollen wir nicht schwimmen?“ zu Tage förderte. Auf die Tutor Söhrnsen nur trocken antwortete:
„Aber natürlich. In der Kultur und Geist.“
Der jüdische Glaube in Krakau, und nicht Oskar Schindler wie gewünscht, war das heutige Thema. Ein Missverständnis mit unser Führerin Olga, das chaotische Folgen nach sich zog. Völlig verschwitzt erreicht wir irgendwann eine Synagoge im südlichen Teil der Stadt. Es war die Falsche. Erst Nummer 2 war richtig.
Hut auf und rein. Und nach Angaben der Anderen sah ich als Einziger wirklich überzeugend/jüdisch damit aus.
Die meisten knickten schon zu diesem Zeitpunkt ab. Führungsfolter mal anders.
„Laaangweilig“, schallte es schnell aus den hinteren Reihen. Verständlicherweise. Alle schienen grimmig. Selbst Herr Söhrnsen, der lieber in einen Bücherladen ging, und Herr Wilk merkte an:
„Diese Frau ist schmerzlos!“
Denn trotz eienr halbwegs angenehmen Kühlung in Synagoge 4 kam es zum absoluten Informations Overflow an diesem morgen. Anglizismen hin oder her. Man multipliziere einfach alles Böse unendlich, packe Daniel Küblböck noch einmal drauf und man kommt fast ran. Doch durch die heißen Umwelteinflüsse ist jeglicher unmöglich.
Nur ein beherztes „Swing low, sweet chariot“ brachte Philip und mich auf andere Gedanken. Bewundernswert dagegen waren die orthodoxen Juden, die es draußen in voller Kluft aushielten. Die Hitze brachte das Äußerste aus uns, auch aus unseren Tutoren, wie z. B. Hr. Söhrnsen, der Jessica ein benutztes Kaugummi in die Hand drückte. Diese sollte es dann recyclen.
Glücklicherweise beschloss er die Führung früher abzubrechen. Einmal mehr sorgte Taxi, Taxi für eine schnelle Entfernung zwischen Olga und mir. Auch wenn in der ersten Kurve sofort mein Gurt raus sprang. Wenigstens kam ich in einem Stück bei Pizza Hut an, bei dem an dem Tag sogar Mönche speisten. Dominikaner, die ihr Essen eigentlich umsonst kriegen.
Mit Weihnachtsliedern machten wir uns bei 43°C im Bus auf den Weg zurück ins Hotel. Dort angekommen entschloss ich mich für ein Gespräch. Eine Woche hatte ich mit meiner Familie weder gesprochen noch sie gesehen, und ich fragte mich, was mich mehr anstrengte. Das Gespräch, oder das Verweilen in der überhitzten Kabine, so dass wir alles auf ein 5 Minuten „Wie geht’s dir“ reduzierten.
Eine Türkendusche später versuchte ich im Buddha ein „Zywiecz“ auf Englisch zu bestellen. Selbstverständlich verstand mich niemand, weshalb die Kellnerin sich einfach ein großes Bier notierte.
Paar Stunden später landeten wir wieder in einem Taxi, und das erste Mal erwischten wir einen halbwegs ruhigen Fahrer. Der den Wagen auf die [7] schob, den Nordring nahm, raus in Richtung Warschau steuerte und letztendlich langsam zum Hotel runtergleitete, runter zum alten System Pop.
Dienstag, 27.06.2006 – Hart gekocht
Es war schon wieder einer dieser verdammten Sonntage, als ich aus meinen Büro eher stolperte als ging.
Ein Flur. Doch etwas hatte sich verändert
Ein ominöser, schwarzer Fleck, rechts von meiner Eingangstür verzierte den grauen Balatum-Boden vor Zimmer 307. 2 Flaschen daneben, Korn und Cola. Halb leer. Ein kurzer Schweif kurz mit meiner Nase verriet mir eines: er roch nicht.
Schon früh stellten die Ordnungskräfte vor Abfahrt und Frühstück klar, dass sich ein Täter bekennen sollte, damit dieser für diesen unerhörten Vertrauensbruch nach hause geschickt werden könne. Auf eigene Kosten. Sonst würde eine Gruppenbestrafung anstehen. Damit schienen sie weitaus härter als die Besitzer des Bodens, die das bei weitem nicht so hoch spielten. Es wurde noch nicht einmal geklärt, ob es sich nicht um einen Cola Fleck handelt.
Von meinem Frühstuck beraubt beschloss ich den Fall aufzunehmen.
Es hatte bereits eine Reinigung stattgefunden, womit alle Spuren verwischt worden sind. Deshalb kein Geruch. Trotzdem stank der Fall. Was hatten die 2 Flaschen dort zu tun. Wer würde so etwas stehen lassen? Nur ein Volltrunkener. Parallel dazu fand eine weitere Missetat statt. Alle Notfallschilder aus dem Flur wurden geklaut, und bei Commissioner Söhrnsen unter der Tür durchgeschoben. Zufall? Oder würde sich es wie immer bei solchen 2 Fällen, um einen großen handeln?
Ich beschloss meine eigenen Spuren zurück zu verfolgen. Der Fleck war neu. Gegen halb drei, als mir „Ja-leck-mich-doch-selber“ Lück einen Besuch abstattete. Sie gab mir meinen Stift zurück, den ich verloren hatte.
Zu diesem Zeitpunkt fehlte nur eine Person: Karl.
War er es? Er war wohl noch als letztes unterwegs. Ich brauchte Beweise, bevor ich ihn ins Kreuzverhör nehmen konnte.
Eine Befragung möglicher Zeugung musste Licht in die Sache bringen. Ein Besuch bei Frau Lück im Büro. Ich fand sie in einer kleinen Anwaltskanzlei, nahe der Kreuzung Smith & Weston. Als Sekretärin schien sie mehr als zufrieden damit kostbare Arbeitszeit mit einer Befragung zu überbrücken. Sie zündete sich eine an, und pustete nach der ersten Frage blauen Dunst in meine Richtung.
Nachdem ich die Standard Fragen runtergerattert hatte, wusste ich noch immer nichts neues. Die Tat musste noch immer gegen halb drei stattgefunden haben. Als ich gerade im Begriff war zu gehen, als sie mir halb in der Tür stehend noch verriet, dass sie gegen 10 vor 3 zwei mal eine Tür krachen hört. Höchst interessant.
„Toll. Um 10 vor 3 hat jemand zwei Mal eine Tür krachen hören. Verdammt nochmal Weißbeck! Ich brauche Beweise!“ Es war nicht genug für den Commissioner. Er blockierte noch immer die Abfahrt, während sich Deputy „KwoKwo“ siegessicher äußerte:
„Wir kriegen es raus!“
Der dauerhustende Ralf verhalf mir zu weiteren Einsichten. Dieser bestätigte, das Geräusch zweieer aufgehender Türen, da dies direkt in unserem Zimmer stattfand. Komisch, dass dies mir entgangen war. Er berichtete von Karl, der dringend auf die Toilette wollte, die von Ralf besetzt wurde. Angeblich sogar unter der laut geäußerten Begründung, dass er sich übergeben wolle. Das war genug Anstoß um ihn in mein Büro einzuladen.
Das Gespräch musste gut vorbereitet sein. Ich winkelte die Fensterjalousien an, und positionierte mich mit dem Rücken zur Sonne, so dass der Verdächtige nur Blinzeln konnte in meine Richtung.
Geknickt trat er in das Büro. Aus reiner Höflichkeit bot ich ihm einen trockenen Whiskey an. Er entschloss sich das abzulehnen.
„Mehr für mich.“, scherzte ich kurz in seine Richtung. Keine Reaktion. Ein harter Brocken. Das Gespräch kam nur schwer vorran.
„Ich habe doch schon alles dem Commissioner gesagt. Was tut sein verlauster Schnüffler wie sie hier?!“
„Sie sind Verdächtiger in einer laufenden Untersuchung, damit darf ich was immer ich will.“
Er gab auf und bestätigte zumindest die Tatsache, dass er an die Badezimmertür geklopft hatte. Natürlich nicht die Geschichte mit dem Übergeben. Er gab an, daraufhin sich aus dem Zimmer verzogen zu haben. Er wusste natürlich nicht die Uhrzeit. Zu dem Zeitpunkt sei aber der Fleck schon da gewesen.
Für einen Moment fuhr ich kurz hoch.
„Und die Flaschen?“
„Die waren schon dort.“ Ich erkundigte mich, was er daraufhin gemacht hatte.
„Ich ging raus, rauchen.“ Nur zu gut, dass ein Videoaufnahme das alles hätte beweisen können. Verdammte schlampige Cops.
Ich schaute auf das gestrige Schachspiel von Simon und mir. Ich brütete darüber, weshalb ich verloren hatte, machte einen Bewegung mit dem Ritter, nur um ihn dann wieder zurück zustellen. Das alles war kein Spiel für Ritter.
„Verdammt noch das alles hier stinkt. Du warst es, du Wurm!“, schrie ich ihn an.
Keine Regung. Der Junge regte mich auf.
„Okay ... die Cola Flasche hab' ich hingestellt. Aber nur weil man Korn mit Cola trinken sollte.“
Cola und Korn? Natürlich es machte absoluten Sinn.
„Die andere Sache!“
Er schwieg. Es brachte nichts. Er wies auf die anderen Gruppen im Hotel, darunter junge Wiener. Vielleicht hätten die auch den Fleck dort hin gezaubert. Es war wasserdicht, ich weiß, dass ich es am Vorabend war, aber stattdessen Pennen ging. Ich konnte ihm nichts nachweisen.
Hätte sich nur jemand die Mühe gemacht, die Videoaufzeichnung der Lobby zu überprüfen, und so sein Alibi zu checken, wäre alles raus gekommen. Die Maßnahmen, die bei der nächsten Sammlung beschlossen worden, hätten verhindert werden können.
Alkoholverbot. Als Folge der Unkooperation. Was für ein Schwachsinn.
Alkoholverbot. Als Folge von Unfähigkeit des Lehrkörpers Spuren nachzugehen.
Die absolut unlösbare Schildersache ist dabei nicht außen vor geblieben. Nach dem Commissioner wurde hier offensichtlich gelogen. Dies musste jemand aus der Gruppe gemacht haben. Für Deputy „KwoKwo“ stand fest, dass es hierfür garantiert ein Nachspiel geben würde, und das Hotel eine Rechnung für die Reinigung schicken würde.
Es kam natürlich nichts.
Also verließ ich wieder die Welt von Sam Spade und Philip Marlowe und begrüßte wie andere unser neues Hotel „Polonia“ in Breslau mit einem Viva, als wir in die Marmorlobby Marke Sowjethammer eintraten. Charme der 60iger inklusive.
„Die Jungs paaren sich bitte.“, bat die „Machine“ und ich verlor mich irgendwann in dem labyrinthhaften Gebäude mit hohen Decken und langen Gängen. Im in Hansestil erbauten Venedig Polens, weil 123 Brücken, bekamen wir eine Führung durch ein paar Referierende. Ein Saxophonspieler verfolgte uns, und untermalt alles, als wir mit Klatschen das Referat beenden.
Die Luftfeuchtigkeit lag bei gefühlten 1000%. Gleichzeitig schien die Sonne und es regnete. Wir beendeten den Tag mit einem gemeinsamen Abendessen im netten Restaurant „Hacienda Tequila.“ Unter einer Trauerweide beobachteten wir irgendein Fußballspiel.
Um neun Uhr hatten wir die Wahl entweder vor Ort zu verweile, oder in das Hotel zu gehen. Als Mitglied der Strafkolonie Polen '06 entschied ich mich für letzteres.
Abends stand ich auf dem Balkon, und beobachtete die nicht schlafende Stadt, mit dem „Holiday Inn“, den Ein- und Aussteigenden aus U- und S-Bahn und dem Kino gegenüber. Irgendwo am Horizont kündete ein Blitz ein Gewitter an.
Mittwoch, 28.06.2006 – Zurück, Zurück, Zurück
Das Frühstück stank. Nach Ralf schmeckten der Käse nach Fleisch und die Melone nach Zitrone. Das Ei war verpackt in einer lederartigen Hülle, die sich weigerte abzugehen.
Ab 08:05 saß ich in der Lobby rum und wartete darauf, dass die anderen Nasen gefälligst fertig werden. Diesmal achtete ich darauf 2 Plätze für mich zu reservieren. Es war eine lange Busfahrt, und ich freute mich meine Beine hochlegen zu können.
Als wir um 09:29 in unseren ersten Stau gerieten, dachte ich darüber nach wieder über Tiefpunkte zu schreiben. Aber ich dachte, was soll's.
Bei einer Pause um 10:30 gab ich mein letztes Geld für eine Tonfigur von Taz, dem Tasmanischen Teufel und einem billigen Pornomagazin mit dem Titel „Erotyka“ aus.
Um 12:00 überfuhren wir die Grenze, und begrüßten gute deutsche Straßen mit einer Laola Welle. Die Unruhe über die baldige Ankunft zu hause war spürbar.
Erst gegen sieben erreichten wir Rendsburg. Einige Worte zum Abschluss verrieten jedem, dass Lehrer- und Schülerschaft gerne an dieser Fahrt teilnahmen. Selbst der Busfahrer.
Wenn ich ein Fazit ziehen müsste, würde ich sagen, dass unsere Studienfahrt nicht in das Klischee der „Halli Galli Sauffahrt“ passt. Andererseits war es auch keine intellektuelle Kreuzfahrt bei der wir den logischen Positivismus nach Wittgenstein dauerhaft diskutierten. Zeitweise war es echt langweilig.
Es war eine Fahrt. Mit Höhen und Tiefen. Wie das Leben.
Klingt abgedroschen.
Wie das Leben.